Der Radler im Wandel der Zeit

In Amerika ist mir mal was seltsames passiert: Meine New Orleanser Freunde haben mich ziemlich entsetzt angeschaut, als ich ihnen erklärt habe, was Radler ist. Man könne Bier doch nicht mit Limo mischen, so der einhellige Tenor. Gut, zwei von ihnen versuchten sich am selber brauen, aber sie waren bei weitem keine Bier-Snobs – gabs nichts anderes, ging auch Bud Light. Gleichzeitig kostete ich manchmal bei ihren Lieblingsbieren (Magic Hat # 9 – mit Aprikosen-Geschmack, Abita Strawberry oder Blue Moon – mit Orangenschalen gebraut) und fand es entsetzlich. Bier mit Frucht-Aroma? Ja bist du grauslich, dachte ich mir.

Dem gegenüber schmeckt der Gösser Zitronen-Radler, den sowohl das Internet, meine FreundInnen und ich unangefochten zum besten Radler gewählt haben, einfach ganz großartig: Nach Sommer, nämlich. Das besondere am sommerlichen Trinken: Man macht das unter Tags. Beziehungsweise wenn die Sonne noch scheint. Während man im Winter grimmig in Lokalen Bier trinkt um den Nebel zu vergessen, nimmt man sich im Sommer zum Schwimmen gehen vielleicht zwei Radler mit und schläft dann gemütlich im Schatten den Anflug eines Rausches aus. Oder am ersten Mai – wo der Radler mit dem Kotlett um 11:30 auf der Bierbank wartet.

Mein (und der meisten anderen ÖsterreicherInnen’s) Radler-Enthusiasmus freut die heimische Bierindustrie. Nicht, dass sie im Vergleich zu anderen Ländern grundsätzlich über einen schmalen Absatzmarkt klagen müsste. Nach den TschechInnen sind wir beim Pro-Kopf Verbrauch von Bier mit 107,7 Litern jährlich weltweit auf Platz Zwei. Tendenziell sinkt in Industrieländern der Alkoholkonsum seit Jahrzehnten, bei uns aber in sehr moderater Geschwindigkeit. Während zum Beispiel die ItalienerInnen ihren Alkoholkonsum zwischen 1980 und 2007 halbierten, kommen wir laut OECD auf Minus 11 Prozent. Man kann sich das bei Bier und Wein wenn man mag auch genauer anschauen (Zahlen von der Statistik Austria):

Jedenfalls, Österreich ist ein sehr gut ausgebauter Biermarkt, den 2011 bezüglich Radler ein „Wunderjahr“ ereilte: Der Radlerkonsum zwischen 2010 und 2011 stieg um 32 Prozent, wird in einem Artikel des à la carte-Magazins erklärt. Dort kann man auch anderes wissenswertes zum Radler erfahren. So dürfte er früher tatsächlich so etwas wie ein „Sportgetränk“ gewesen sein – alle trinken Bier, aber nachdem man mit dem Mountainbike 1000 Höhenmeter hinter sich gebracht hat, mischt man sich halt ein bisschen Isostar rein.

Auch ein „Bier-Philosoph“ (tolle Berufsbezeichnung!) kommt im Artikel zu Wort, und in seinen Ausführungen findet das Entsetzen meiner amerikanischen FreundInnen seine heimische Entsprechung:

„Fragt man Bier-Sommelier und -Philosoph Karl Schiffner, ob es einen für ihn interessanten Aspekt, eine positive Komponente an dem derzeit so beliebten Biermischgetränk gebe, muss er nicht lange nachdenken: „Nein.“ Das alles habe mit Bier nichts zu tun, es gebe so viele Möglichkeiten, das aromatische Spektrum von Bier noch viel weiter zu spreizen, als es in Österreich derzeit getan werde, mit Hopfen, mit Malz, mit Hefen, mit Gärverfahren, „aber das mit diesem Radler ist ein absoluter Kompetenzverlust in Sachen Bier“. […] Als Tiefpunkt des Radler-Unwesens sehe er aber ohnehin den so genannten „sauren Radler“, der von Vorarlberg schön langsam ostwärts dränge, eine Mischung aus Bier und Sodawasser, „Bier-Panscher sind früher ertränkt worden, und da hab ich dann immer ein ganz komisches Gefühl, wenn das wer von mir verlangt“

Eine dramatische Entwicklung also, dieser Radler-Hype, glaubt man dem Experten. Unser Biergeschmack veramerikanisiert, dabei sind uns die Amis in Puncto Bier offenbar schon einen deutlichen Schritt voraus. Wir retardieren, während sie mit ihrer Microbrewery-Kultur das aromatische Spektrum des Bieres spreizen. Tatsächlich hab ich in Amerika echt gerne Bier getrunken: Die Auswahl ist ein Hammer, und jetzt, zurück im Land der Brauunion, wünsche ich mir mein Abita, mein Stella oder mein Yuengling zurück. Und ja, ich gebe es zu: Stundenlang habe ich bereits das Internet nach einer Bezugsquelle in Europa für Magic Hat oder Blue Moon durchforstet, vergebens. Nach ein paar Mal probieren ist das nämlich wirklich lecker gewesen. Aber gut, zumindest im Sommer kann ich die Sehnsucht nach den Bieren mit Obstgeschmack gut mit Gösser Zitronenradler oder Stiegl Grapefruit kompensieren – Kompetenzverlust my ass.

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